Anatomisch präzises Yoga mit Beate Willer und ihrem Team in Fürstenwalde an der Spree.

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Zerlumpte Kinder auf der Suche nach Nahrung, bis unters Dach bewohnte Häuser-Ruinen zwischen endlosen Müllbergen. Familien, die tags wie nachts auf Smog verpeßteten Straßen leben. – Umgeben von Krätze kranken Hunden, hupenden Tuktuk-Fahrern und noch mehr Menschen, dicht gedrängt an provisorischen Straßenständen. Was zur Hölle will ich hier? Ich muss komplett verrückt sein, ausgerechnet in Indiens ärmsten Bundesstaat Bihar nach Großzügigkeit und Weite im eigenen Geist zu suchen. Und doch komme ich nach zehn Tagen überwältigt und berührt zurück. In Bodhgaya, dem Ort wo Buddha Shakyamuni vor 2550 Jahren Erleuchtung erlangte, keimt eine Ahnung in mir auf, was es mit dem Gefühl auf sich hat, mit allem verbunden zu sein.

 

Unser westliches Konzept von einem „heiligen Ort“ deckt sich so gar nicht mit dem, was wir vor den Toren der Erleuchtungs-Stupa* vorfinden. Dutzende Bettler-Familien sind gleichzeitig mit den rund 2000 buddhistischen Mönchen, Nonnen und Meditationsmeistern aus Tibet, Nepal, Bhutan und Europa zum Kagye Mönlam angereist. Die wichtigste Veranstaltung einer der vier tibetisch-buddhistischen Meditationslinien gehört für die Bettlergruppen zu den einträglichsten Veranstaltungen im Jahr. Beim Anblick von verkrüppelten Kindern und Erwachsenen, auf Brettern herumrollend, wird das Herz von uns privilegierten Laien-Praktizierenden schwer wie Wackerstein. ICH fühle mich schlecht, möchte das Elend am liebsten ausblenden, und bemerke gleichzeitig deutlich, wie wenig hilfreich und durchaus selbstbezogen diese Art von Mitleid ist.

 

(Ohne Atemschutz geht’s nicht. Die hiesigen Grenzwerte der Feinstaub-Belastung werden in Indien oft um das 1000fache überschritten.)

 

Unsere Meditationslehrerin Yeshe lädt uns ein, in die Offenheit zu gehen. „An all den Kraftplätzen wie hier am Bodhi-Baum ist jeder Bereich unseres Lebens viel deutlicher zu sehen als anderswo“, erklärt uns die 72-Jährige. Das für uns so Extreme ist ein natürlicher Teil des Lebens. Yeshe: „Aber hier potenziert es sich und wird für uns erschreckend offensichtlich.“ Lama Yeshe, die Leiterin des tibetisch-buddhistischen Zentrums im thüringischen Möhra, kommt seit vielen Jahren an den Ort, wo der indische Prinz Siddharta Gautama durch Meditation zum Erwachten (übersetzt: Buddha) wurde.

 

(Vorbilder in Gelassenheit: die Lehrerinnen Lama Yeshe Sangmo, rechts, und Lama Dordje Drölma)

 

Dann bemerke ich es auch: den Götterbereich mit Luxus und Limousinen, die Höllen von Krankheit und Tod (zugegeben sind diese im Westen zumeist Krankenhaus-steril und für Gesunde unsichtbar). Ich sehe den hoffnungslos abhängigen Tierbereich, den wir hinter Schlachthof-Mauern sonst nur erahnen. Und ich wünsche mir den Segen eines geschulten Geistes, der das alles wahrnehmen kann, ohne am Erquicklichen anzuhaften oder das Schmerzhafte abzulehnen.

 

(Lichtopfer mit Butterlampen, Foto: C. Güldner)

 

Von mir selbst fast unbemerkt murmle ich das Mantra von Chenrezig, dem Buddha des Mitgefühls. Sehr selbstverständlich wähle ich „om mani peme hung“ aus dem Werkzeugkoffer, den uns der Buddha für herausfordernde Situationen in unserem Leben hinterlassen hat. Pausenlos bewege ich in mir den Wunsch, dass es allen gut gehen möge, während ich mir ausgerüstet mit Atemmaske und Sitzkissen den Weg zum Tempelgelände bahne. Immer wieder zurück zum Mantra, immer wieder zurück in meinen Körper. So gelingt es mir da zu bleiben, offen zu sein, nicht abzusaufen im Sumpf meiner eigenen, erlernten Geschichten darüber, wie es eigentlich sein sollte.

 

Hunderte Menschen drängeln sich durch die Metalldetektoren am Eingang zur Erleuchtungs-Stupa. Freundliche Rücksichtnahme ist offensichtlich ein Konzept, das im Hier und Heute unbekannt ist. Eine ältere chinesische Dame haut mir ihre Handtasche vors Schienbein, eine andere schiebt mich zur Seite, um ihrer Reisegruppe einen kleinen Vorsprung zu verschaffen. Schubsen und Drängeln gehört hier dazu. Verkniffene Sicherheitsbeamte tasten uns ab. Wehe, wenn sie jemanden mit einem Handy erwischen! Neben uns trifft es einen Mönch aus Thailand. Die Wächter nehmen die Schummelei durchaus persönlich. Schimpfend und fluchend wird der „Sünder“ vom Gelände gejagt.

 

Schon wieder bin ich irritiert. So wenig umsichtig und mitfühlend nähern wir uns einem der wichtigsten buddhistischen Heiligtümer? Schon wieder bekommt meine Vorstellung davon, wie die Dinge zu sein haben, einen Riss. Der berühmte Lehrer Dzongsar Rinpoche beschreibt das in seinem Buch über Pilgerreisen so: „Wenn eine Philosophie oder eine Religion es nicht vermag, die Weisheit des spirituell Suchenden zu mehren, indem sie ihm dazu verhilft, Nichtdualität und Illusion zu verstehen, sollte sie zumindest eine Delle in unserer gewohnten Wahrnehmung hinterlassen.“ Die Beule ist spürbar. Nichts von dem, was ich für logisch und angemessen halte, gilt an diesem Ort. Einen Moment lang bereue ich, um fünf Uhr morgens aufgestanden zu sein. So soll ich jetzt eine gute Woche lang in den Tag starten, nur um täglich acht Stunden lang tibetische Texte zu rezitieren?

 

Dann beginnt der auf tibetisch Umze genannte Vorsänger die heiligen Verse zu singen. Während ich noch versuche, mich im Schneidersitz einigermaßen aushaltbar einzurichten, geht mir sein tiefer Bass schon durch und durch. Eben habe ich noch gehadert, wollte am liebsten weit weg nach Hause. Jetzt ist schon wieder alles anders… Interessant, wie blitzschnell meine Stimmung wechselt. Und was für ein Glück, diese fliegenden Wechsel so deutlich zu bemerken! Plötzlich ist es ganz leicht, den inneren Kritiker loszulassen. Im vertrauten Terrain würde ich ihn dagegen sicher aus purer Gewohnheit noch zum Verweilen einladen.

 

(Die streunenden Hunde auf der Tempelanlage sind voller Vertrauen, schlafen zu den Füßen der Praktizierenden.)

 

Für uns des Tibetischen unkundige Westler sind die Texte der Wunschgebete (tib: Mönlam) englisch untertitelt. Gesungen wird auf tibetisch, um die Kraft der weisen Worte nicht zu schmälern. Denn die Wunschgebete wurden allesamt von Buddha nachfolgenden, ebenfalls verwirklichten Meistern geschrieben.

 

Zu Beginn versuche ich noch, jedes einzelne Wort zu verstehen. Aber so lange der Intellekt die alleinige Macht hat, geht das Tor zum Herzen einfach nicht auf. Intuitiv gebe ich auf, überlasse mich komplett dem Klang. Es dauert nicht lange, dann bersten die Riegel. Meine mentalen Konzepte verfliegen und ich fliege mit den anderen durch das Buch. Gemeinsam wünschen wir allen Wesen Sicherheit und die reine Sicht, ungetrübt von „so ist es“ oder „so ist es nicht“. In meiner Vorstellung sind alle dabei: die, deren Leid so offensichtlich ist und auch die, deren Leben gerade gar nicht problematisch daherkommt. Denn, egal wie sehr wir ackern, um uns im Außen abzusichern: Kein Leben ist dauerhaft frei von Schmerz, auch nicht das von uns behüteten Westlern.

 

(Endlich mal aufstehen! Pause beim Mönlam, Foto: S. Liebscher)

 

Klar, dass der Intellekt rebelliert. „In den meisten Ländern gilt ein Mönch oder jemand, der sein Leben der spirituellen Praxis widmet, ohne in der Welt einen materiellen Beitrag zu leisten, als unnütze Last für die Gesellschaft“, erklärt Dzongsar Rinpoche. „Die Leute zucken zusammen, wenn sie sie auf den Straßen sehen, ähnlich wie sie zusammenzucken, wenn sie mit einer großen Spinne (…) konfrontiert sind.“ Der Meditationsmeister weiter: „Komischerweise fügen Sadhus und Mönche der Welt keinerlei Schaden zu, im krassen Gegensatz zu den Top-Absolventen der Wirtschaftswissenschaften. (…) Unter dem Vorwand ‚anderen zu helfen‘ treiben sie eine Weltwirtschaft voran, welche die natürlichen Ressourcen ausbeutet und aufbraucht, um Dinge im Überfluss zu produzieren, die wir nicht brauchen und die die Massen mit betäubend langweiligen Arbeitsplätzen versorgt.“

 

Zurück auf mein Sitzkissen zwischen den mit Inbrunst rezitierenden Mönchen und Nonnen. Nein, ich rette mit Wunschgebeten nicht die Welt. Kein Kind wird satt, nur weil ich hier sitze und singe. Und es ist der Buddha-Statue auch völlig egal, ob ich mich vor ihr verbeuge oder den Altar hingebungsvoll mit Blumengirlanden, Obst und feinsten Stoffen schmücke. Und doch macht all das etwas in mir. Ich fühle mich geöffnet, sehr, sehr ruhig und in Verbindung… Alles Qualitäten, die ich mir als Nährboden für die Entscheidungen in meinem Leben wünsche.

 

(Alles erdenklich Schöne wird auf dem Altar an die Buddhas verschenkt.)

 

Mein holperiger Versuch, das Erlebte zu beschreiben, sei an dieser Stelle beendet. Ich bemerke einmal mehr: Innerliche Weite ist nicht erklärbar. (Es ist in etwa so, als würden wir jemandem den Geschmack von Schokolade vermitteln wollen, der nie davon probiert hat.) Diese Lücke füllt nur die Erfahrung, das schafft kein intellektuelles Konzept.

 

Ich wünsche uns allen für 2020 so persönliche Erfahrungen, die tief berühren und lange nachwirken.

 

 

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* Stupa: buddhistisches Bauwerk, das den von Weisheit durchdrungenen Geist symbolisiert.

* Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche: Was mache ich auf Pilgerreisen zu den heiligen buddhistischen Stätten in Indien?, Manjughosha Edition, Juni 2010 (1. Auflage).